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Freitag, 12. November 2010

Gedanken in einer stillen Nacht


In fremdem Lande lag ich. Weißen Glanz
malte der Mond vor meiner Lagerstätte.
Ich hob das Haupt - ich meinte erst, es sei
der Reif der Frühe, was ich schimmern sah,
dann aber fühlte ich: der Mond, der Mond!
und neigte das Gesicht zur Erde hin,
und meine Heimat winkte mir von ferne.





Von 李白 Li Bai (Li Bo) † 762 ~ namhafteste Dichter der Tang-Zeit, die "goldene Zeit" chinesischer Dichtung.

Hier von Hans Bethge übersetzt.

Das Gedicht hat in Chinesisch zwei Titeln:

夜思 Yèsī (Nachtgedanken) und
靜夜思 Jìngyèsī (Nostalgie):

床前明月光 chuáng qián míng yuè guāng
疑是地上霜 yǐ shì dì shàng shuāng
舉頭望明月 jǔ tóu wàng míng yuè
低頭思故鄉 dī tóu sī gù xiāng


PS: der Vorname des Dichters 白 Bái heißt "Weiß" ~ eine poetische Koinzidenz ...


ICH WÜNSCHE EUCH ALLEN EIN SCHÖNES WOCHENENDE :-)

Donnerstag, 12. August 2010

Nicht winken, sondern ertrinken

SO EINE AUSDRUCK haben wir in Englisch, besonders in Großbritannien. Es kommt aus einem Gedicht von Stevie Smith. Und das tue ich. Ich ertrinke, langsam. In einem Meer von Trübsal. Ich mache nichts. Ich gehe nirgendwo. Ich nehme Drogen, die ich hasse. Ich glaube dies ist das Aus.

NOT WAVING BUT DROWNING

Nobody heard him, the dead man,
But still he lay moaning:
I was much further out than you thought
And not waving but drowning.

Poor chap, he always loved larking
And now he's dead
It must have been too cold for him his heart gave way,
They said.

Oh, no no no, it was too cold always
(Still the dead one lay moaning)
I was much too far out all my life
And not waving but drowning.


Stevie Smith, 1957

Donnerstag, 15. Juli 2010

Dichtung und Wahrheit

HIER ist einer meiner Lieblingsgedichte

Gretchen am Spinnrad: Meine Ruh ist hin




Meine Ruh ist hin,
Mein Herz ist schwer;
Ich finde sie nimmer
und nimmermehr.

Wo ich ihn nicht hab,
Ist mir das Grab,
Die ganze Welt
Ist mir vergällt.

Mein armer Kopf
Ist mir verrückt,
Meiner armer Sinn
Ist mir zerstückt.

Meine Ruh ist hin,
Mein Herz ist schwer,
Ich finde sie nimmer
und nimmermehr.


Nach ihm nur schau ich
Zum Fenster hinaus,
Nach ihm nur geh ich
Aus dem Haus.

Sein hoher Gang,
Sein edle Gestalt,
Seines Mundes Lächeln,
Seiner Augen Gewalt,

Und seiner Rede
Zauberfluß,
Sein Händedruck,
Und ach! sein Kuß!


Meine Ruh ist hin,
Mein Herz ist schwer,
Ich finde sie nimmer
und nimmermehr.

Mein Busen drängt
Sich nach ihm hin,
Ach dürft ich fassen
Und halten ihn,

Und küssen ihn,
So wie ich wollt,
An seinen Küssen
Vergehen sollt!

Meine Ruh ist hin.




J W VON GOETHE